zocker
von Béatrice
Jaccard & Peter Schelling
für
das Tanztheater
Freiburg>Heidelberg
Uraufführung
4. Feb. 2006, Theater Heidelberg,
Première 22.
April 2006, Theater Freiburg
Eine
Produktion vom Theater Freiburg und
dem Theater Heidelberg
Choreografie: Béatrice Jaccard, Peter Schelling Musik: Massimo Bertinelli, François Gendre Bühne:Peter Schelling Kostüme: Yvonne Forster Dramaturgie: Sigrid Schonlau Tänzer: Barbara A. Haegi, S. Gökce Ogultekin, Mónica Muñoz Marín, Jasna Vinovrski, Gary Joplin, Thomas M. Maucher, Marco Volta
Sie zocken um Geld, um Frauen oder um die nackte Haut – und manchmal nur um des Spielens willen. Sie spielen ihr riskantes Spiel überall und zu jeder Zeit, vom fiesen Poker bis zum eitlen Verkleidungsspiel. Kalt lächelnd beklauen sie ihre Mitspieler, auch wenn die schon am Boden liegen. Grotesk verrenkt tänzeln sie über den Laufsteg und feuern auf schiefen Absätzen aus der Hüfte. Der Einsatz ist hoch, aber Spielen macht auch Spaß, wenn es gar nichts kostet. Eine Welt voller Widersprüche und Brüche. Spielerisch und unmerklich gleiten die Tänzer von einer Situation in die nächste. Doch dabei wissen die Hände nicht, was die Füße tun.
Eine surreale, komische und zugleich tragische Welt, in denen die Tänzer wie Komikfiguren über quasi übernatürliche Kräfte verfügen. Durch die Überzeichnung der Situationen und Bewegungen zeigen sie den Spaß am Spiel und verführen dazu, sich dem Realen hinter dem Sichtbaren zu nähern.
Akustische und visuelle Reize prasseln Tag für Tag wie ein Blitzlichtgewitter auf uns ein. Rasant schnell, ständig neu befeuert uns die Werbung flächendeckend mit Eindrücken. Unmöglich, da emotional Schritt zu halten. Es sei denn, man ist in der Lage, sich wie eine Maschine zu ständig neuen Reaktionen an- und wiederabzuschalten. „Es ist wie Beckett mit Comic“, sagt Béatrice Jaccard, die zusammen mit Peter Schelling die Choreografie für Zocker entwickelt.
Der kleinste Gang durch eine Fußgängerzone kann an die Grenzen der eigenen Überforderung führen: An der Plakatwand mit dem neuen Parfum von Hugo Boss entlang, weiter vorbei an den Straßenmusikern aus der Ukraine, man gerät zwischen Punks, den Sicherheitstrupp der Polizei, Straßenbahnklingeln drängelt die Fußgänger zur Seite, Busse schieben sich dazwischen, Starbucks, MacDonalds, Burger King verheißen schnellverdauliche Nahrung – die Eindrücke, die die Stadt vermittelt, gleichen einer Lawine. Das Telefon klingelt, eine neue Mail geht ein, das Handy meldet einen Anruf, nur schlecht zu hören unter den Beats des MP3-Players.
Multi-Tasking heißt das neue Zauberwort. Gewinner ist, wer alles gleichzeitig erledigen kann. Ein Hype, der in den Augen von Béatrice Jaccard und Peter Schelling groteske Züge annimmt und dem Menschen fast übernatürliche Kräfte und Fähigkeiten abverlangt. Diese Vorstellung ist für die beiden Choreografen die Grundlage ihrer tänzerischen Formensprache geworden, die sie seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit 1987 entwickelt haben. „Wir folgen der Logik des Absurden. Man versteht die Situationen eher intuitiv als psychologisch“, sagt Peter Schelling.
Der Anspruch, mit ungeheurer Geschwindigkeit gleichzeitig eine Vielzahl von Aufgaben zu bewältigen, lässt die Menschen wie Comicfiguren agieren, in denen ihre Gesichter lächeln, während ihre Füße stolpern. Dabei spiegeln die Körper in ihren Bewegungen das Widersprüchliche, indem sie sich nicht mehr einheitlich bewegen, sondern die verschiedenen Körperpartien ein isoliertes Eigenleben führen.
Seit 1992 arbeiten die beiden mit ihrer eigenen Truppe compagnie drift und gehören damit zu den wichtigsten Gruppen der Schweizer Tanzszene. Tourneen in mittlerweile über 23 Länder haben sie inzwischen auch international bekannt gemacht. In ihrem neuen Stück Zocker für das Tanztheater Freiburg> Heidelberg nähern sie sich diesem Thema von der heiteren Seite. „Man muss sich von einer Situation nahtlos in die andere stürzen. Das wirkt von außen manchmal geradezu komisch“, sagt Peter Schelling.
Der Absurdität des Alltags, die Unmögliches verlangt und den Menschen manchmal auch übermenschlich scheitern lässt, treten die Tänzer hier mit einem schiefen Lächeln entgegen. Sie zocken am Kartentisch, mit ihren Mitspielern spielen sie das Spiel von Lüge und Intrige.
Geister schauen den einen beim Poker über die Schulter und flüstern ihnen den nächsten Zug zu, während die anderen sich beim Kinderspiel vergnügen. Sie schweben einen halben Meter über dem Boden und stolpern über die Bosheit des Nachbarn. Sie spielen fröhlich in einer Band auf, aber beklauen sich kalt lächelnd um ihre letzten Habseligkeiten. Grotesk, heiter und zugleich bitter zeigt Zocker Menschen, die sich den Spielregeln des Alltags im Spiel zu entziehen versuchen. Dem Grotesken des Alltags ist nur durch ein Lächeln zu entkommen. Die beiden Musiker Massimo Bertinelli und Francois Gendre aus der compagnie drift sind verantwortlich für die Komposition, die zwischen Blasmusik und Techno-Sound schwirrt.
Presseauszüge
Spielzeit für Erwachsene
‚...ein Abend der Überraschungen...ein erstaunlicher Theaterabend...ein kleines Theaterwunder ist es schon, dass die Szenen dieses Abends mit spielerischer Eleganz in einander übergehen, -gleiten oder –kippen, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt...Das Ensemble läuft spielerisch und mimisch zu grosser Form auf...Dafür hängt die Messlatte für die Zukunft des Tanzes in Heidelberg neuerdings ein bisschen höher...’
Rhein-Neckar-Zeitung, 6.2.06
Zocker
‚...Szenen- und begeisterter Schlussapplaus am Premierenabend...Eine schräge Musikband zieht über die Bühne...die Musiker lächeln sich an und beklauen sich gleichzeitig wie die Raben. Eine Tänzerin wird Kopf nach unten hochgezogen, das Geld rieselt ihr nur so aus den Taschen. Ein Einfall jagt den nächsten, die Bewegungen sind perfekt synchronisiert, aber über allem schwebt eine augenzwinkernde Leichtigkeit... nach 65 Minuten ist Schluss, viel zu früh, denn von dieser gut aufgelegten Truppe hätte man gern noch mehr gesehen...’
SWR2 Landeskultur, 6.2.06
Stich und Trumpf
‚...Selten gab es so viel Begeisterung, Amüsement und Szenenapplaus wie bei der Premiere am Heidelberger Theater...Jaccard und Schelling entwickeln in ihrer Choreographie eine bezaubernde Fantasie, die Elemente der Pantomime, des Strassentheaters und der Improvisation überaus vergnüglich zusammenbringt. Das ist ebenso poetisch wie burlesk, ebenso absurd wie virtuos...Alle sieben Mitglieder sind in trauter, aber schräger Harmonie körperlich und musikalisch vereint...Die körperliche Koordination wird mitunter auf die Spitze getrieben...Hoch virtuose Bewegungsabläufe werden ausgetragen...Es wird nach Herzenslust gezockt, und das Publikum hatte seinen Riesenspass...’
Darmstätter Echo, 8.2.06
Abzocke beim Gesellschaftsspiel
‚...der homo ludens spielt nicht nur Karten, sondern auch und vor allem Gesellschaftsspiele, die da heissen Anpassung, Durchsetzung und Gewinnoptimierung. Ziel des menschlichen Zockens ist nicht selten das Abzocken, wie es ein Taschendieb-Reigen unter Beteiligung aller sieben Tänzer zeigt: Reihum bestehlen sich die Tänzer in originellen Variationen mit Varieté-Reife...’
Mannheimer Morgen, 6.2.06